Geschichtsverein   in der Presse

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schwäbische Zeitung 22. Oktober 2019

Heinz Thumm

 

 

 


Hubert Schelkle
 
Vortrag zum Lehenswesen unter der Herrschaft des Klosters Zwiefalten

Freitag, 18.Oktober im  Konventbau des ZfP
 

Auf Einladung des Geschichtsvereins Zwiefalten hat Hubert Schelkle vor 30 Besuchern fachkundig die Regularien des Klosters im Umgang mit Leibeigenen und Söldnern geschildert. Er sprach die Herrschaftsstrukturen an und zeigte die vielfältigen Abgaben an das Kloster auf. Das Sozialwesen war weit ausgebaut. Mit vielen Details beschrieb er den Wald und die Jagd, die von Württembergischen Forstaufsehern ausgeübt wurde.

In der Klosterzeit wurde die Macht des Lehensherrn von Gott abgeleitet. Der Lehensherr sorgte für Rechtseinheitlichkeit und bot Schutz vor feindlichen Übergriffen. Im Gegenzug mussten vielfältige Abgaben entrichtet und unbedingte Treue geschworen sowie Kriegsdienst geleistet werden. Leibeigenschaft bedeutete: keine Freizügigkeit und strenge Bindung an das Herrschaftsgebiet. Bei Weg- und Zuzug wurden Abgaben fällig. Eine Heirat stand unter Genehmigungsvorbehalt, es gab strenge Regelungen für vor- und unehelichen Beischlaf.

Beim Kloster Zwiefalten herrschte das Falllehen vor. Beim Tod des Lehensinhabers fiel es ans Kloster zurück und wurde neu vergeben. Bei den „Bauerngütern“ zwischen 41 und 64 Hektar – in Upflamör gab es acht – waren auch Knechte und Mägde im Einsatz. Auf „Söldnergütern“ zwischen drei und elf Hektar – es gab sieben in Upflamör – waren die Bauern nebenberuflich meist als Handwerker tätig. Besonders ertragreiche Flächen, zum Beispiel auf dem Gutshof Ohnhülben, wurden im Frondienst bewirtschaftet. Am 1. Januar 1818 wurde die Leibeigenschaft aufgehoben. Zum Ziel einer besseren Bewirtschaftung wurden die Lehensanteile an Privatpersonen übergeben.

Nur innerhalb des Herrschaftsgebiets war die Klosterkanzlei die Gerichtsinstanz. Bei Strafrecht, Leibeigenschaft und Lehenswesen , Kaufvertrag und Erbstreitigkeiten war der Schultheiß in beratender Funktion dabei. Bei der Dorfgerichtsbarkeit durften die Strafgelder in der eigenen Gemeinde behalten werden. Todesstrafe und lange Gefängnisaufenthalte konnte nur Württemberg aussprechen, das Kloster hatte bei Todesstrafen ein Begnadigungsrecht. Schandstrafen wurden häufig bei Raufereien und Sittlichkeitsdelikten ausgegeben; die Verurteilten wurden „zur Schau gestellt“.

Bauern- und Söldnergüter

Die Pflege für Bedürftige und alte Personen erfolgte gegen einen Almosen. Die Armenhäuser in Baach und Tigerfeld waren häufig überfüllt. Hebammen waren in jedem Ort zugeteilt. Die medizinische Versorgung erfolgte durch Barbiere und Chirurgen. Der Arztbesuch erfolgte gratis, ebenso Rezepte. Das Schulwesen in Zwiefalten wird als sehr schlecht beurteilt, obwohl es in 20 von 27 Orten Schulen gab.

Im Wald gab viele Einschränkungen. So war es zum Beispiel verboten, eine Eiche zu fällen. Eine Beweidung von Wäldern wurde zugelassen. Die Abgabe von Brennholz wurde auf kleine Mengen beschränkt, Bauholz musste gekauft, durfte aber selbst eingeschlagen werden. Üblich war das „Laibern“, Bauern holten Laub als Futterersatz aus dem Wald. Die Markungsfläche von Upflamör war etwa zu einem Drittel bewaldet, zu zwei Dritteln landwirtschaftlich genutzt – heute ist es genau umgekehrt. Oft wurde Waldfrevel angezeigt, weil viele arme Leute Zweige und Früchte gestohlen und dann auf dem Markt verkauft haben. Die Wilderei war weit verbreitet und wurde streng bestraft, jeder Bürger hatte eine Schusswaffe zu Hause.

Die vielen Details zum damaligen Leben und Wirtschaften in der Klosterzeit veranlassten die Zuhörer zu Fragen. Hubert Schelkle gab kompetente Antworten und bekam ausgiebig Beifall und ein Präsent von Hubertus-Jörg Riedlinger. Die Vortragsreihe wird voraussichtlich 2020 fortgesetzt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zwiefalten

 

Glanzstücke spätbarocker Freskenmalerei

Schwäbische Zeitung

 

30. September 2019

Heinz Thumm

 

 

Nach Abschluss der Bauarbeiten im Zwiefalter Münster hat der Geschichtsverein Zwiefalten zu einem Vortrag von Professor Dr. Nicolaj van der Meulen über Bilder im Zwiefalter Münster eingeladen. Der Referent lehrt an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel/Schweiz und hat in einem 527-seitigen Buch die spätbarocke Benediktinerabtei Zwiefalten beschrieben.

In den Jahren 1739 bis 1789 wurde das Zwiefalter Münster als Barockkirche gebaut. In dieser Zeit lag die Regierungszeit dreier Äbte. 1802, rund zwanzig Jahre nach Fertigstellung des monumentalen Baus wurde das Benediktinerkloster Zwiefalten säkularisiert.

Geblieben ist ein Raum voller Ornamente, aber auch voller Mut zur Farbe, Fülle und Energie. Gleichzeitig mit Zeichen des Prunks und der Spiritualität mit einer Botschaft zum spirituellem Dank.

In dem Buch „Der Parergonale Raum“ beschreibt Nicolaj van der Meulen in der Einleitung: Noch heute dürfte für Besucher gelten, was Bernardus Schurr schon 1910 von einem Reisenden berichtete, der, ohne Ungewöhnliches zu ahnen, in den Raum von Zwiefalten eintrat: Er wurde „urplötzlich von Staunen ergriffen“. Fassade und Vorhalle durchschreitend, hielt er an der Schwelle zum Langhaus unwillkürlich inne. Noch bevor Tiefe, Höhe und Breite des Raumes metrisch erfasst sind, eröffnete sich ein unermessliches Bilduniversum: Ein Netz aus Fresken und Gemälden tut sich auf und leitet den Blick in unterschiedlichen Bewegungen durch den Raum ...

Bei den Gemälden gibt es mehrere Zentren, die durch Ornamente miteinander verbunden sind. Die Farben sind deutlich erkennbar abgestimmt.

Unter den Äbten während der Bauzeit nimmt der von 1744 bis 1765amtierende Benedikt Mauz bei der Ausführung der Innenraumgestaltung eine zentrale Rolle ein. Der anerkannte Künstler Franz Joseph Spiegler begann seine Zwiefalter Arbeiten schon im Jahre 1728/29 und war in mehreren Etappen hier tätig. Presbyterium 1747/48, Chor 1748, Kuppel 1949/50, Querhäuser 1750. Was mit dem Langhaus 1751 folgte, darf als eines der monumentalen Glanzstücke der spätbarocken Freskenmalerei bezeichnet werden.

Mit rund 405 Quadratmetern (27 mal 15 Metern) hat das Langhausfresko riesige Ausmaße. Im Zentrum des Landhausfreskos wird die Dreifaltigkeit dargestellt: Von der Gottesmutter aus wird von einer Zickzackbewegung ein Gnadenstrahl geführt. Der Strahl bricht sich in einem von zwei Engeln getragenen Marienbild, dem Gnadenbild „Mater Monachorum“. Maria umfasst sanft das Jesuskind. Das Kind hält in der linken Hand ein kleines Kreuz vor der Brust Mariens. Der Strahl bricht sich, um auf das augenblicklich Funken sprühende Herz des Heiligen Benedikt zu treffen. Von hier aus ergießt er sich als Flammenzunge über zahlreiche Verehrer und Propagandisten des Marienkults.

Das Bild zeigt das Gnadenbild in der Kirche San Benedetto in Piscinula in Rom, vor dem der hl. Benediktus in seiner Jugend gebetet haben soll. Es gilt damit als späteres Gründungsbild für das Mönchtum oder als Urbild mit betenden Mönchen und trägt die Erläuterung: „Die Gnade Marias geht auf die Welt über“.

Auf verschiedene Fragen aus dem Kreis des Publikums schilderte Professor Dr. Nicolaj van der Meulen: In der Barockzeit sollten alle Sinne angesprochen werden. Der Pfarrer predigte, die Gottesdienstbesucher hatten plastisch vor Augen, was gerade gemeint war. Mit dieser Hilfestellung konnten die Bilder und Figuren und auch die Unbegrenztheit Gottes erkannt und verstanden werden.

Anhaltender Beifall der 75 Besucher dankten dem Referenten herzlich für seine Ausführungen. Der Vorsitzende des Geschichtsvereins Zwiefalten, Hubertus-Jörg Riedlinger, überreichte einen Korb mit vielen Spezialitäten aus Zwiefalten und Umgebung. Es laufen Bemühungen, dass der Referent bei weiteren Vorträgen andere Bereiche der Figuren und Gemälde ebenfalls bespricht und erläutert. Riedlinger erinnerte daran, dass das erwähnte Buch auch beim Geschichtsverein oder in der Bibliothek des Zentrums für Psychiatrie (ZfP) ausgeliehen werden kann.

 

 

 

 

 

 

Der

Versailler Vertrag

und seine Folgen

 

 

 

 

 

 

Der Vorsitzende des Zwiefalter Geschichtsvereins, Hubertus-Jörg Riedlinger (links),

dankte Ernst-Reinhard Beck für seinen Vortrag. (Foto: Heinz Thumm)

 

 

9. Juli 2019

Heinz Thumm

 

 

Ernst-Reinhard Beck – ein profunder Kenner der deutschen Geschichte – hat beim Zwiefalter Geschichtsverein über Details zum Versailler Vertrag und die Entwicklungen in den Folgejahren gesprochen. Delegationen aus 32 Staaten reisten im Frühjahr 1919 ins Schloss Versailles bei Paris, um eine stabile Nachkriegsordnung auszuhandeln. Doch massive Fehler des Vertrags führten zu katastrophalen Folgen.

Im ersten Weltkrieg kämpften 40 Staaten rund um den Globus – und dennoch wurde die Nachkriegsordnung vor allem von den USA, Großbritannien, Frankreich und Italien bestimmt. Schnell wurden nationalistische Ziele verfolgt. Das Deutsche Reich bekam die alleinige Kriegsschuld. Die geographische Neuordnung der Welt, auch außerhalb Europas, beschwörten neue Konflikte herauf. Reparationsforderungen für Kriegsschäden, Militärausgaben in noch nie dagewesener Größenordnung sollten die deutsche Wirtschaft auspressen. Eine der Forderungen der Siegermächte an das deutsche Volk: „Bis in die dritte Generation hinein sollt ihr fronen.“

Über 400 Bestimmungen, viele davon aus Rachegelüsten straften die Besiegten ab. Riesige Proteste folgten auf das unfaire und nicht erträgliche Diktat. Deutsche Kolonien wurden aufgeteilt, die Kriegsflotte wurde aufgelöst, Elsass-Lothringen musste abgetreten werden, das Rheinland und das Saarland blieben 15 Jahre lang besetzt und viele weitere Demütigungen, Rache und Bestrafung und weitere schmerzliche Verluste folgten.

Auf eine angedachte Nichtunterzeichnung des Vertrages wurde von den Alliierten unverhohlen mit einem Einmarsch und einer Fortsetzung des Krieges gedroht. In der Weimarer Republik folgte die Zustimmung, doch von da ab lief alles auf die Hitlerherrschaft zu.

Hunger und Armut

Im Land herrschten Hunger, Vertreibung und Armut, das Vertrauen in das Prinzip der Demokratie war verloren. 1930 folgte die Weltwirtschaftskrise, 1938 der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Im Frühjahr standen deutsche Truppen in Tschechien und kurz darauf erschütterte der Zweite Weltkrieg den Globus.

Ergriffen von der Lehrstunde der deutschen Geschichte fragten die Besucher den Referenten nach weiteren geografischen Eingriffen und der Tragik nach dem verlorenen Frieden und der Weltordnung.

Hubertus-Jörg Riedlinger bedankte sich herzlich bei dem Freund und Begleiter des Geschichtsvereins Zwiefalten und überreichte ihm – auch als Erinnerung an klösterliche Zeiten ein Präsent mit Neuhauser Wein und ein Mauspad mit dem Zwiefalter Engele.

In wenigen Wochen startet der Geschichtsverein Zwiefalten zu seiner Studienfahrt nach Ostpreußen auf den Spuren des Deutschen Ordens nach Danzig, Königsberg und die Masuren. Die Reise beinhaltet landeskundliche, literarische und geisteswissenschaftliche Themen und auch touristische Aspekte. Dabei werden sicher auch die geographischen Veränderungen eine Rolle spielen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hubertus-Jörg Riedlinger (von links), Prof. Wolfgang Urban,

Bürgermeister Matthias Henne und Pfarrer Paul Zeller.

(Foto: Laetitia Barnick)

 

Auf Fundamenten aus der Stauferzeit erbaut

 

10. Juni 2019

Laetitia Barnick

 

 

Mit großem historischem Hintergrundwissen und zugleich unterhaltsam vermittelte Professor Wolfgang Urban aus Rottenburg die spannende Geschichte der renovierten Zwiefaltener Friedhofskapelle vor einem zahlreichen interessierten Publikum. Wie sich durch archäologische Forschungen der letzten Jahren herausstellte, wurde die Friedhofskapelle auf romanischem Mauerwerk errichtet, welches auf die Zeit um 1141 zurückgeht. „Damit“, so erläuterte der Diözesankonservator i.R., „birgt die Kapelle architektonische Strukturen aus jener entscheidenden Epoche Zwiefaltens in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts.“

Die Gründung des Klosters selbst durch den Abt Wilhelm von Hirsau, so Professor Urban, mit einer für die damalige Zeit imposanten Klosteranlage, fand bereits im Jahre 1089 statt. Auf einer Stiftung der Brüder Kuno von Wülflingen und Liutold von Achalm beruhend, entwickelte sich schon in der ersten Phase seiner Geschichte ein Doppelkloster mit einem Männer- und einem Frauenkonvent. Das Frauenkloster existierte allerdings nur bis zum Jahr 1358, dann wurden die Ordensfrauen von dem seit 1293 dem Abt von Zwiefalten unterstellten Kloster Mariaberg übernommen. Doch bis dahin, berichtet der Diakon und Vorstand des Kunstvereins der Diözese Rottenburg-Stuttgart, lebten die Klosterfrauen in äußerst einfachen und provisorischen Behausungen in der Nähe der Kirche, bevor sie Anfang des 12. Jahrhunderts an der Ostseite der Kirche ein eigenes Gebäude beziehen konnten.

Nach der burgartigen Befestigung des Klosters durch Abt Ulrich wurde dieser Bau jedoch wieder abgebrochen, worauf auf Initiative der Gräfin Adelheid von Dillingen, der Witwe des Grafen Ulrich von Gammertingen, südöstlich des Männerkonvents ein neues Frauenkloster gebaut wurde. Die Kirche dieses Frauenklosters wurde dem Heiligen Johannes dem Täufer geweiht, auf die demzufolge die heutige Friedhofs- oder Liebfrauenkapelle zurückgeht. Somit stellt die Kapelle das einzige Denkmal dieser Zeit der hochmittelalterlichen Blüte der Klosterkultur Zwiefaltens dar. Doch Professor Urban wies auch auf weitere wichtige Aspekte hin: „Diese Friedhofskapelle ist Grabmonument herausragender Äbte Zwiefaltens geworden, wie Abt Augustin Stegmüller und Abt Gregorius Weinemers. Auch birgt das Gotteshaus Frühwerke des zu europäischer Meisterschaft aufgestiegenen Riedlinger Bildhauers Johann Joseph Christian.“

Im besonderen aber ging Professor Urban auf das Leben der Frauen dieser Zeit im Kloster ein: „Dies ist eine höchst bedeutende, aber mehr oder minder vernachlässigte Seite der Zwiefaltener Geschichte.“ So lebten zur Zeit der Errichtung des Ursprungbaus der heutigen Kapelle 62 Nonnen im Konvent, der unter der Aufsicht des Abtes und unter der Leitung einer Meisterin stand. Viele dieser Frauen, die sich außer dem ständigen Gebet auch dem Kunsthandwerk, der Schreibkunst und der Textilgestaltung widmeten, lebten als Reclusin oder Inclusin in einer dauerhaft zugemauerten Zelle. Ein Zeichen der kulturellen Blüte des frühen 14. Jahrhunderts ist die aus diesem Kloster stammende Christus-Johannes-Gruppe – die Johannesminne –, die sich heute in der Johnson-Collection in Cleveland (Ohio) befindet.

Die Pestepidemie von 1338 und eine weitere pestartige Epidemie 1574 rafften ganze Teile der Bevölkerung dahin, die verfallene Kapelle wurde aber unter dem Abt Johannes Lager wieder aufgebaut. Bürgermeister Matthias Henne äußerte seine Dankbarkeit gegenüber den großzügigen Spendern, so dass insgesamt stolze 5000 00 Euro zur Sanierung der Kapelle aufgebracht werden konnten und man somit im folgenden Jahr die Generalsanierung abschließen könne. Hubertus-Jörg Riedlinger vom Geschichtsverein betonte außerdem, dass der Blick der Öffentlichkeit auf die Kapelle, unter der sich uralte Quaderfundamente aus der Stauferzeit verbergen, nun mit der Renovation auch geschärft worden sei.

 

 

 

 

 

Ein

ambitioniertes

Programm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Organisatoren vom Zwiefalter Geschichtsverein (von links) Bettina Eppler, Vera Bobke, Hubertus-Jörg Riedlinger und Ida Baumann haben wieder ein vielfältiges Jahresprogramm zusammengestellt. (Foto: Heinz Thumm)

 

Schwäbische Zeitung

29. März 2019

Heinz Thumm

 

 

Was für eine Freude für alle Zwiefalter Freunde und alle, die es noch werden wollen: Wieder ist ein engagiertes Jahresprogramm mit unzähligen interessanten Punkten zusammengestellt worden. Lebendige Geschichte an allen Orten, fachkundig und mitreißend präsentiert. Das Programm liegt als Flyer in vielen Geschäften aus und kann auch unter „www.geschichtsverein-zwiefalten.de“ eingesehen werden. In verschiedenen Veranstaltungen tritt die Gemeinde Zwiefalten und eine oder beide örtlichen Kirchengemeinden als Mitveranstalter auf.

Vorträge und Gedenkveranstaltungen

Freitag, 7. Juni, 19.30 Uhr Friedhofs- und Liebfrauenkapelle, älteste Zeugnisse Zwiefaltens Baugeschichte, nach der Wiedereröffnung und nach Restaurierung präsentiert von Prof. Wolfgang Urban, Diözesankonservator i.R. Rottenburg. Am Freitag, 21. Juni, 19.30 Uhr im Konventbau des ZfP, Vortrag von Rainer Christoph aus Weiden in der Oberpfalz über Historische Beziehungen von Personen, Klöstern und Adelsgeschlechtern zwischen Baden-Württemberg, Böhmen und der Oberpfalz.

Ernst-Reinhard Beck spricht am Freitag, 5. Juli , 19.30 Uhr im Konventbau des ZfP über den Versailler Vertrag 1919 – ein Friede ohne Versöhnung. Am Freitag, 27. September, 16 Uhr im Coemeterium im Münster: Vortrag von Prof. Dr. Nicolaj van der Meulen mit dem Schwerpunkt über Bilder und Gnadenbilder im süddeutschen Spätbarock. Hubert Schelkle hält am Freitag, 18. Oktober, 19.30 Uhr, Vortrag im Konventbau des ZfP zum Lehenswesen unter der Herrschaft des Klosters Zwiefalten.

30. Jahrestag des Mauerfalls im La Tessoualler Park vom 8. bis 10. November, Gedenktag mit Feierstunde und Gesprächsrunde. 18. bis 22. November Themenwoche zu Leben und Werken der jüdischen Malerin Susanne Ritscher mit Ausstellung im Rathaus und verschiedenen Veranstaltungen

Führungen aller Art

Mittwoch, 24. Juli, 17 Uhr, Historischer Klinikspaziergang mit Dr. Bernd Reichelt, ZfP. Samstag, 27. Juli, 15 Uhr, Führung auf dem Loretto-Hof mit Günther Weber. Sonntag, 1. September, 12.30 Uhr Radeltour zur Sattlerkapelle mit Andacht. Samstag, 15. September, 8 Uhr, das jüdische Leben in Buchau und der Goldbacher Stollen des ehemaligen KZ-Aufkirch. Sonntag, 22. September, ab 13 Uhr Kutschfahrten zur Kloster- und Ortsgeschichte beim Bierfest der Zwiefalter Klosterbräu.

Konzerte in der Prälatur

Samstag, 13. April, 19.30 Uhr: Württembergische Streichersolisten mit virtuosen Zigeunerweisen. Samstag, 25. Mai, 19.30 Uhr: Benefizkonzert Geigerin Rebecca Thies und Viktor Jugovic am Klavier - im Rahmen des Forums Junge Interpreten der Kreissparkasse Zwiefalten. Sonntag, 14. September, 19.30 Uhr: Duo Olivera Konzert mit Querflöte und Konzertgitarre. Samstag, 7. Dezember und Samstag, 14. Dezember, jeweils 19.30 Uhr: Ausflug in die Welt der Oper mit Karina Assfalg Sopran, Anastasia Souporovskaja Mezzosopran, Petteri Falck, Bariton und Valerij Petasch, Pianist.

Konzert mit Werken von Pater Ernest Weinrauch im Münster, ergänzt durch zwei kleiner Werke von Isfrid Kayser: Sonntag, 13. Oktober, 17 Uhr mit Solisten und Weinrauch-Chor und -Orchester. Auch in diesem Jahr werden die Sängerinnen und Sänger aus Zwiefalten und Umgebung durch Choristen aus der französischen Partnergemeinde La Tessoualle unterstützt.

Führungen zu Flora und Fauna

Sonntag, 14. April, 7.30 Uhr, Vogelkundliche Führung mit Franz Glückler in Gossenzugen, Wimsen und Ehrenfels. Freitag, 10. Mai, 20 Uhr: Fledermäuse, Jäger der Nacht - Fledermaus-Führung mit Rainer Gerster. Sonntag, 19. Mai, 16 Uhr: Naturkundlicher Spaziergang zu Pflanzen und Insekten mit Roland Herdfelder. Samstag, 29. Juni, 16 Uhr: Gauinger Steinbruch - Führung zu Flora und Fauna sowie Geologie und Abbruchgeschichte mit Jürgen Hamann und Roland Herdfelder. Samstag, 10. August, 16.30 Uhr: Biber- und Amphibienführung beim Vespermarkt mit Franz Spannenkrebs. Samstag, 7. Septebmer, 14 Uhr: Pilzführung und -sammlung mit Pilzberater Norbert Haiß und Reinhold Braun.

Ausstellungen im Peterstormuseum

Samstag, 13. April, 18 Uhr: Ausstellung im Peterstor-Museum: Religiöse Alltagskunst - Traditionelle und moderne Exponate der Volkfrömmigkeit mit Berthold Müller, Vernissage mit Einführung durch Reinhold Halder. Samstag, 13. Juli, 16 Uhr: Vernissage mit Berthold Müller und Puppenausstellung von Natalia Sauer. Und noch etwas Besonderes: Im kleinen, aber feinen Museumsladen werden Hübsches und Engeliges sowie nette Geschenkideen für jeden Anlass angeboten.

Steinbildhauerkurs im Steinbruch in Gauingen vom 22. Juni bis 7. Juli, Leitung, Information und Anmeldung: Herbert Leichtle Telefon 07527/95320.

Veranstaltungen für Mitglieder des Geschichtsvereins mit attraktiven Ausflügen und Studienreisen, wie ins nördliche Ostpreußen und nach Masuren ergänzen das reichhaltige Angebot; 5. Mai: Besuch der Burg Hohenzollern. 20. Juni: Kloster Wiblingen;. 5. September: Ein Tag in Bad Urach. 27. Juli bis 7. August: Exkursion nach Ostpreußen.

 

Anmerkung: Reise Ostpreußen ist ausgebucht!

 

 

 

 

 

 

Geschichtsverein Zwiefalten:

Exkursionen, Konzerte und Ausstellungen

 

 

 

Die ganze Pracht des Zwiefalter Münsters. Foto: Christine Dewald

 

Geschichtsverein Zwiefalten legt sein umfang- und abwechslungsreiches Jahresprogramm vor

GEA

27.03.2019

 

 

 

ZWIEFALTEN. Insbesondere aus Anlass des Abschlusses der Arbeiten im Zwiefalter Münster und an der Liebfrauenkapelle nehmen sich auf Initiative des Geschichtsvereins Zwiefalten verschiedene Vortragsveranstaltungen diesen Zwiefalter Baudenkmalen an. Das jetzt erschienene Jahresprogramm des Vereins, das auch wieder Ausstellungen, Exkursionen, Führungen sowie Konzerte beinhaltet, sieht dazu am 7. Juni, einen Abend mit Professor Wolfgang Urban vor.

Über die historischen Beziehungenzwischen Adel und Klöstern wird am 21. Juni Rainer Christoph sprechen, während sich Ernst-Reinhard Beck am 5. Juli mit dem Versailler Vertrag von 1919 befassen wird. Professor Dr. Nicolaj van der Meulen kommt im September nach Zwiefalten um über Bilder und Gnadenbilder im süddeutschen Spätbarock zu informieren.

Hubert Schelkle nimmt in seinem Vortrag im Oktober das Lehenswesen unter der Herrschaft des Klosters Zwiefalten unter die Lupe und Vorträge im November befassen sich mit dem Mauerfall 1989 sowie dem Leben und Überleben einer jüdischen Malerin in Gauingen.

Im Peterstor-Museum wird das Thema »Konfessionen im Biosphärengebiet Schwäbische Alb, Katholisch, Evangelisch, Jüdisch« ergänzt mit der Ausstellung »Religiöse Alltagskunst – traditionelle und moderne Exponate der Volksfrömmigkeit«. Eine Puppenausstellung komplettiert die Museumssaison. Im Steinbruch in Gauingen finden Steinbildhauerkurse statt, und im Rathaus in Zwiefalten werden im November Werke der Malerin Susanne Ritscher ausgestellt.

Wieder Weinrauch-Konzert

Was sicher jeden Freund Zwiefaltens berührt, ist das nunmehr siebte Münsterkonzert mit Werken des Klosterkomponisten Pater Ernest Weinrauch: Am 13. Oktober kommt im Münster sein "Requiem" zur Aufführung, ergänzt durch zwei kleinere Werke von Isfrid Kayser. Die Sängerinnen und Sänger aus Zwiefalten und Umgebung werden dabei durch Choristen aus der französischen Partnergemeinde La Tessoualle unterstützt. Bereits am 13. April gastieren die Württembergischen Streichersolisten in Zwiefalten, im Mai gibt es ein Benefizkonzert mit den "Jungen Interpreten, am 14. September gastiert das Duo Olivera und für Dezember sind zwei Ausflüge in die Welt der Oper geplant.

Die Vielfalt der schönen Landschaft rund um Zwiefalten rücken Führungen des Geschichtsvereins zu Flora und Fauna ins Blickfeld. So gibt es zwischen April und September vogelkundliche Führungen, Spaziergänge zu Pflanzen, Insekten, zu Amphibien, zu Biberburgen und zu Fledermäusen, aber auch eine Exkursion rund um den Gauinger Steinbruch und eine Pilzführung.

Dr. Bernd Reichelt lädt im Juli ein zu einem historischen Klinikspaziergang, im Juli kann mit Günther Weber der Loretto-Hof erkundet werden und Hubert Schelkle und Hubertus-Jörg Riedlinger führen die Radtour am 1. September zur Sattlerkapelle an.

Zu Gedenkorten Oberschwabens

In Bad Buchau und Überlingen werden im September Gedenkorte besucht, auch soll es in der Münstergemeinde wieder Kutschfahrten geben. Und in erster Linie Mitgliedern des Geschichtsvereins Zwiefalten vorbehalten ist eine Einladung zu einer Studienfahrt ins nördliche Ostpreußen und nach Masuren, bei der Geschichte, Landschaft, Literatur und Kunst im Mittelpunkt stehen.

Das Jahresprogramm kann auch im Internet nachgelesen werden. Die Broschüre im Westentaschenformat darf beim Geschichtsverein angefordert werden und kommt dann per Post. (GEA)

 

 

 

 

Bannmühlen brachten

gute Einkünfte

 

 

 

 

 

 

 

Am Modell einer Getreidemühle erläuterte

Professor i.R. Dr. Rainer Loose - (Vierter von links)

die Funktion und Ausstattung. (Foto: Heinz Thumm)

 

Schwäbische Zeitung

28. März 2019

Heinz Thumm

 

 

 

Mühlensysteme sind seit rund 2500 Jahren bekannt. Die Benediktiner waren eindeutige Wissensvermittler in dieser Technik. 1089 – im Jahr der Gründung des Klosters Zwiefalten – wurden dem Kloster sechs Höfe und zwei Mühlen als Geschenk übergeben. Wenig später gehörte der ganze Ort zum Kloster. Von dahin bis um 1900 wurden im Bereich zwischen Ehrenfels und Zwiefaltendorf insgesamt bis zu 20 Getreidemühlen, zwei Pumpwerke, zwei Ölmühlen und eine Öl-, Gips- und Lohmühle, ein Maschinenantrieb, drei Stromerzeuger, eine Papiermühle, eine Furniersäge, ein Hammerwerk, drei Sägmühlen, ein Waschrad und eine Schrotmühle betrieben. Ab 1900 ersetzten weitere Turbinen die zunehmend unrentablen Mühlräder, soweit diese nicht ganz stillgelegt wurden.

In einem Seminar bekamen sechs Teilnehmer als künftige „Mühlenführer“ Informationen über die geschichtliche Entwicklung und die wirtschaftliche Bedeutung der Mühlen und Wassertriebwerke. Nach den Erfahrungen des Zwiefalter Geschichtsvereins und Daniel Tress vom Gasthof in Wimsen gibt es eine ganze Reihe von Nachfragen zu der Thematik. Professor i.R. Dr. Rainer Loose übernahm die Einweisung als Kenner der Materie.

 

Verstöße wurden bestraft

 

Das Mühlenbannrecht sicherte dem Grundherrn das Monopol zum Betreiben von Mühlen und verpflichtete die Untertanen, ihr Getreide ausschließlich dort mahlen zu lassen. Verstöße gegen den Mühlenbann wurden bestraft. Die fehlende Konkurrenz verhalf den Bannmüllern zu gleichbleibenden Einkünften. Den Müllern stand als Mahllohn auch ein bestimmter Anteil des abgelieferten Korns zu. Diese Regelung enthielt viel Konfliktstoff. Die gegen Eid abzugebenden Verpflichtungen der Zwiefalter Mühlenordnung enthielten eine Vielfalt von Geldstrafen, brachten aber wenig Beruhigungen.

Qualität und Reinheit des Getreides und des Mehls waren nicht immer befriedigend. Das Mehl war nur begrenzt haltbar. Die Müller hatten auch Aufwendungen für zwei bis drei Müllerknechte, einen Stallknecht, Viehstall mit kleiner Landwirtschaft, sowie Esel oder Muli und einen Warteraum zu bezahlen. Spezielle teure Mühlsteine mussten vorgehalten werden, damit ein geordneter Betrieb möglich war. Für das Kloster war der Handel mit Getreide sehr attraktiv. Über Botendienste wurden die aktuellen Preise regelmäßig in Erfahrung gebracht. Die Getreidelager wurden gut überwacht.

Im Obergeschoss der Bannmühle Wimsen, heute Kulturdenkmal, sind Modelle einer Getreidemühle, Sägemühle und Hammerschmiede aufgebaut und mit Beschreibungen versehen. Professor Loose erklärte hierzu viele Details und Besonderheiten. Dabei ging er auch auf neue Entwicklungen ein, denn nach der Aufhebung des Mühlenbanns 1848 wurden ab etwa 1850 wirtschaftlicher Mühlen gebaut.

 

Hierzu wurde am Beispiel der ehemaligen Getreidemühle (äußere Mühle in Zwiefalten) die dortigen Anlage besichtigt. Diese wurde einer amerikanisch-englischen Kunstmühle nachgebaut und brachte viele Vorteile. Gebaut in einer Holz-/Metallkonstruktion wurde immer noch ein Antrieb über ein Wasserrad verwendet. Auf den fünf Stockwerken wurden aber bereits ein Elevator, Windfege und viel bessere Mühlsteine benutzt. Das Ergebnis war eine deutlich bessere Qualität in bis zu sechs Stufen. Diese Mühle war bis 2010 in Betrieb, war aber schon 1950 umgebaut worden. Heute wird damit über eine Turbine elektrischer Strom produziert. Über das weitere Vorgehen mit der Mühle wurden viele Gedanken ausgetauscht.

Wieder zurück in Wimsen wurden Vorarbeiten für verschiedene Varianten von Mühlenwanderungen diskutiert.

Nach einem zweiten Teil der Einweisung der Mühlenführer wird es möglich sein in zwei bis drei Monaten Mühlenführungen anzubieten. Details hierzu werden rechtzeitig bekannt gegeben.

 

 

 

 

 

Karina Aßfalg (Sopran) und Liliana Roth am Flügel brachten in Zwiefaltens Prälatur Russlands Seele zum Schwingen. (Foto: Kurt Zieger)

28.November 2018 - Schwäbische Zeitung

 

Zu unserem letzten Prälaturkonzert in diesem Jahr:

 

Russlands Seele zum Leuchten gebracht

 

Russische Romanzen mit ihrer Fülle von Emotionen und tiefen Gefühlen zu hören, ist ein besonderes Erlebnis. Karina Aßfalg (Sopran) und Liliana Roth am Flügel setzten beim Prälaturkonzert in Zwiefalten das um, was russische Komponisten in ihren kunstvollen Gesängen zum Ausdruck brachten.

Beide Interpretinnen sind in Russland geboren, beide schöpfen aus der Kraft ihrer Heimat, beide bringen in tief beeindruckendem Gesang und in der Kunst am Flügel Russlands Seele zum Leuchten. Um dies in der Prälatur, dem „schönsten Raum in klösterlichen Gemäuern“ zu erleben, konnten die vorgestellten Romanzen als Winterträume nur im russischen Original gesungen werden. Jede Art von Übersetzung wäre fehl am Platze gewesen. Als sehr hilfreich erwies sich die detailreiche Moderation von Bettina Eppler.

Zarte Eingangstakte der Pianistin führten zu ersten melodischen Eindrücken mit Karina Aßfalgs einfühlsamer Stimme. Zu später Stunde einer Frühlingsnacht erinnerte sich Nikolaj Listov an den Klang eines schönen Walzers, den die Sopranistin aus den empfindsamen Tiefen ihrer Stimme in die Höhen des barocken Raums aufsteigen ließ. Nachdrücklich fortgeführt wurden diese Empfindungen bei Michail Glinkas „Blut glüht im Liebesrausch“ mit Temperament und musikalischer Intensität beider Interpretinnen.

Mit dem Auftreten der Roma, als professionelle Interpreten von Romanzen, flossen Gefühle der Sehnsucht in die Art russischer Kunstlieder des 19. Jahrhunderts ein. Solche Zigeunerromanzen bargen tiefgehende Gefühle in sich, wie auch beim „Leuchte, mein Stern“ von Peter Bulachov. Große melodische Bogen stellte Liliana Roth bereits beim Vorspiel vor, dazu passend der sich steigernde Klangraum der Sängerin.

Perlende Passagen über dezenter Begleitung prägten das erste Klaviersolo mit einem Walzer aus der Schneesturm-Suite von Georgy Sviridov. Nach voluminösen Bausteinen zeigte ein freudvolles da capo das Interpretationstalent der Pianistin.

Leidenschaft und Dramatik

Mit Leidenschaft meinte die Sopranistin: „Auf der ganzen Welt gibt es nicht so schöne Augen wie seine. Wenn er mich anschaut, kocht mein Herz.“ Dazu poetisch einfühlsam mit stimmlicher Schönheit der Blick auf „verblühte Chrysanthemen im Garten“ von Nikolaj Harito, der im Alter von 32 Jahren bei einer Hochzeitsfeier auf einem Bauernhof stirbt. Hoffnungsvoll die populäre Romanze am „Zaungätterchen“, wo ein Mann auf seine Geliebte wartet, voll Dramatik hingegen das Ehedrama „Alter Ehemann, grausiger Ehemann“, von der Sopranistin temperamentvoll in Szene gesetzt.

Liebenswürdig transparent hingegen im ausdrucksvollen Klangraum der Stimme Guriljevs „Sehnsucht des Mädchens“ und die lyrisch fröhliche Romanze „Mein Glück – mein Schätzchen“ mit strahlendem Melodiebogen.

Klare Akkorde, durch sichere Halbtöne ausgeweitet, führten zu rhythmisch gut strukturierter Melodieführung bei der zweiten Romanze aus der Schneesturm-Suite als weiterem Beweis für die Meisterschaft von Liliana Roth am Klavier. Das Klangbild stets variierend und erweiternd, die gesamte Klaviatur in ihr Spiel mit einbezogen, endete der musikalische Schneesturm in entschwindenden Pianissimo.

Dass ein Zigeuner in der „hellen Nacht“ Sehnsucht nach seiner Liebsten verspürt, ist ebenso verständlich wie nachvollziehbar, wie der Inhalt der eher traditionellen Liebesserenade „Ich bin da, Inesilj“. Ganz anders – mit viel Wärme in der Stimme– die musikalische Traurigkeit bei Ponomarenkos „In seiner frohen Birkensprache sagt der goldne Hain nichts mehr“. Voll Schönheit hingegen mit romantisch dezenten, aber auch heiter-neckischen Aspekten die Versicherung in der Eheromanze „Oh, nein, nicht dich lieb ich noch heut so heiß“ als Beispiele der russischen Romanzen des 20. Jahrhunderts.

Nicht enden wollender Beifall gab es für ein tief bewegendes Erlebnis mit den Romanzen Russlands, die nur in der Muttersprache gesungen einen echten Einblick in die russische Seele hervorrufen können. Nicht weniger bezaubernd waren die „Moskauer Nächte“ als Zugabe, melodisch im Originalsound, doch auch hierzulande weitgehend bekannt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hubertus-Jörg Riedlinger (links) bedankte sich bei Ernst Reinhard Beck für seinen Vortrag mit einem Geschenk.

(Foto: Laetitia Barnick)

 

 

„Es hätte nie wieder Krieg geben dürfen!“

 

25. November 2018

Laetitia Barnick

 

Einen breiten Spannungsbogen durch eine der spektakulärsten Zeiten der deutschen Geschichte zog am Freitagabend im Konventsaal des ZfP Zwiefalten der ehemalige Lehrer und Bundestagsabgeordnete Ernst Reinhard Beck. Wie der Vorsitzende des Geschichtsvereins, Hubertus-Jörg Riedlinger, in seiner Einführung betonte, habe man in Bezug auf das aktuell kursierende brisante Thema in Beck einen profunden Kenner der Materie gewinnen können.

Beck selbst erwähnte eingangs, dass in diesen Tagen nicht nur die Historiker weltweit des 100-jährigen Jubiläums des Kriegsendes gedenken. „Der 1. Weltkrieg“, so Beck, „war ein Krieg, wie nie zuvor!“ – Vor allem auch, was bereits die damalige Kriegstechnik betraf. Es gab moderne U-Boote und Maschinengewehre mit 600 Schuss, die in den Kampfzonen an der Front in furchtbaren Grabenkämpfen zum Einsatz kamen und das Schlachtfeld in eine „blutige Knochenmühle“ verwandelten. „70 Prozent aller Artillerie-Toten“, schilderte Beck drastisch, „wurden einfach zerrissen und im Blut zerstampft!“

Franzosen wehrten sich tapfer

Und weiterhin zog sich der rote Faden wie eine Blutspur durch die Kriegsgeschehnisse, in deren Folge auch das Zarenreich unter dem Roten Terror zusammenbrach. Zu Beginn der Frühjahrsoffensive 1918 waren die deutschen Soldaten klar im Vorteil, begannen sogar mit der Beschießung von Paris, erbeuteten unter anderem riesige Whiskylager, obwohl sich die Franzosen tapfer zur Wehr setzten. Allerdings begann die eigene Versorgung innerhalb des deutschen Heeres problematischer zu werden, die Soldaten litten Hunger und aßen in ihrer Not sogar den Hafer der Pferde. Dazu kam die Katastrophe der Spanischen Grippe, an der 80 000 deutsche Soldaten erkrankten. In der Folge desertierten immer mehr Streitkräfte oder kamen wegen Selbstverstümmelungen ins Lazarett oder nach Hause zurück. Diese Schrecken des 1. Weltkrieges wurden erschütternd von dem Schriftsteller Erich Maria Remarque in seinem 1929 erschienenen Roman „Im Westen nichts Neues“ dargestellt, der als Antikriegsroman zu einem Klassiker der Weltliteratur wurde. Trotz der schlechten Versorgungslage und der grauenhaften Kämpfe waren die deutschen Soldaten im Laufe des Jahres 1917 immer noch motiviert, durchzuhalten. Sie wollten die Kameraden nicht im Stich zu lassen und für die Familien zuhause kämpfen, solange noch eine Chance bestand, den Krieg zu gewinnen. Erst als im sogenannten „Steckrübenwinter“ 1917/18 Tausende von Soldaten desertierten oder verhungerten, änderte sich die Stimmung, worauf sich die Ereignisse überschlugen.

Die Lage auf den Kriegsschauplätzen dramatisierte sich, und spätestens im September 1918 war der Krieg für Deutschland verloren. Obwohl es bereits Vorgespräche zu Waffenstillstandsverhandlungen gab, wollte die Seekriegsleitung die deutsche Flotte noch zu einer letzten Seeschlacht gegen die Briten – die „Royal Lady“ – mit dem Ziel der „Ehrenrettung“ auslaufen lassen. Wegen der Sinnlosigkeit dieses Vorhabens erhoben sich die Soldaten in Wilhelmshaven und Kiel, verweigerten den Befehl und meuterten, zunächst auf dem Kampfschiff „Thüringen“. Die Meuterei griff rasch auf andere Schiffe über und führte zu einem Kontrollverlust der Offiziere und der gesamten Marine.

„Vom 4. bis zum 7. November“, so Beck, „breitete sich die revolutionäre Stimmung aus wie ein Flächenbrand und das Kaiserreich drohte zu zerfallen!“ Obwohl sich Kaiser Wilhelm weigerte, abzudanken, erklärte sein Reichskanzler, Max Prinz von Baden am 9. November den Thronverzicht und der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann rief von einem Fenster des Berliner Reichstags die Deutsche Republik aus, anschließend proklamierte Karl Liebknecht die „Freie Sozialistische Republik Deutschlands“. Am 11. November unterschrieb Matthias Erzberger, der später erschossen wurde, gedrängt durch Hindenburg, die bedingungslose Kapitulation, und im Wald von Compiègne wurde der Waffenstillstandvertrag unterzeichnet. An demselben Ort auf der Lichtung nordöstlich von Paris haben 100 Jahre später Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron an das Ende des 1. Weltkriegs erinnert. „Eine der Lehren, die man aus diesem Krieg hätte ziehen sollen“, so Beck, „wäre gewesen: Nie wieder Krieg!“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Lisa Keaton-Sommer und Andreas Sommer (Traversflöten) und Anja Enderle am Cello begeisterten mit ihrem Barockkonzert in der Prälatur Zwiefalten (Foto: Kurt Zieger)

 

 

Virtuose Klänge in der Prälatur

22. Oktober 2018

 

Kurt Zieger

 

 

Konzerte im barocken Ambiente und der Intimität der Prälatur Zwiefalten haben stets ihren eigenen charmanten Reiz. Dazu passen Instrumente wie Traversflöten mit ihrer Wärme und Klangschönheiten wie auch ein behutsam und doch engagiert eingebrachtes, vor Vitalität sprühendes Cello. Damit ist im Grunde ein konzertanter Hörgenuss vorgegeben.

 

Das Ehepaar Lisa Keaton-Sommer und Andreas Sommer bilden zusammen mit Anja Enderle eine musikalische Einheit, die künstlerisch und vom Empfinden her bestens zueinander passt. Dieses innere Sich-Verstehen spricht aus den Interpretationen der vorgestellten Werke.

 

Der kompositorischen Vorlage „Spiritoso“ entsprechend begann das Ensemble spritzig, mit perlenden Läufen und voll Musizierfreude mit einem Londoner Trio von Joseph Haydn das Konzert in der vollbesetzten Prälatur. Weich und fein ausschwingend das Andante, voll unbeschwerter Heiterkeit das nachfolgende Allegro.

 

Einige Jahre vor Haydn schrieb der tschechische Komponist Josef Myslivecek das vorgestellte Trio in a-moll. Auch er bettet sein eher dezentes Larghetto zwischen flotte Allegro- und Presto-Sätze. Beginnend im heiter melodiösem Dreiertakt mit dezent aufsteigenden crescendi, besticht das Larghetto durch die Wärme und Klangschönheit der Traversflöten. Über der sonoren Basis des Cello werden Perioden mit weitem Atem voll lyrischer Schönheit mit feinsinnigen Umrankungen verziert. Das Presto hingegen sprüht auch bei der Cellistin von virtuoser Musizierkunst.

 

Auch das Caprice II von Anton Stamitz stammt aus derselben Zeit und stellt eine Paraderolle für Andreas Sommer als Solist dar. Hüpfende Einzeltöne verschmelzen mit kurzen Trillern über elegischen Abschnitten zu einem abgerundeten Gesamtwerk. Mühelos steigende Tonfolgen entschwinden in ihrer Klarheit in der Höhe des barocken Raums.

 

Denselben Genuss für die Zuhörer boten Lisa Keaton-Sommer und Anja Enderle mit einem Duetto von Franz Danzi, Solocellist in München und Hofkapellmeister in Stuttgart. Ausgewiesen als Larghetto begann es verhalten und verheißungsvoll, um jedoch in herrlichem Gleichklang schrittartig die melodischen Bausteine zum Klingen zu bringen. Das folgende Allegretto sprühte vor perlender Lebensfreude und weckte bei den Zuhörern helle Begeisterung.

 

Nicht weniger heiter und beschwingt ein Trio in C-Dur von Johann Christian Bach, dem jüngsten Sohn des großen Komponisten Johann Sebastian Bach. In tänzerischem Ambiente das Allegretto in fast schwerelos dahingleitenden Passagen der beiden Flöten über klar strukturierter Mitgestaltung des Cello. Beseligende Ruhe entströmte dem Adagio, zumal jeder der drei Künstler jeder Einheit zu ihrem Abschluss die nötige kurze Ruhepause gönnte bis zum Schluss im verklingenden Pianissimo. Lebensbejahend und optimistisch das abschließende Allegro mit einer Vielzahl virtuos gestalteter Sequenzen im Cello zum bewundernswerten Gleichklang beider Flöten.

 

Jubilierende Flöten

 

Der zweite Teil des Konzerts begann wieder mit Karl Stamitz, diesesmal mit einem Trio in G-Dur. Im Allegro jubilierten die beiden Flöten in partnerschaftlichem Verbund als Gegenpol zu den teils kurzgefassten, teils weit ausladenden Passagen des Cello. Das Andante poco moderato, tonlich leicht zurückgenommen, bestach durch filigrane Einzelabschnitte wie auch durch aufsteigende Tonfolgen als Duo der Flöten. Ihr Thema wanderte des Öfteren ins Cello und gab deren Interpretin gut genutzte Chancen sich zu profilieren. Leichtfüßig tänzerisch in allen drei Instrumenten, punktgenau interpretriert das Rondeau mit dem perlenden Allegro als Beschluss voll ästhetischer Schönheit.

 

Auch Franz Anton Hoffmeister aus Rottenburg am Neckar verkörpert musikalische Lebensfreude des Barock. In seinem Duo für zwei Traversflöten gestaltete das Ehepaar Sommer das einleitende Allegro mit virtuosen Läufen und klar ausgewiesenen Staccato-Passagen des vorgegebenen Themas. Ganz unversehens jedoch erklang eine schwingende Melodie über eiliger Begleitung des zweiten Instruments und sorgte für musikalisches Vergnügen der besonderen Art. Dies galt auch für die tänzerisch elegante Romance und das geradezu schelmisch in Szene gesetzte Rondeau.

 

Mit einem weiteren Trio von Joseph Haydn schloss sich der musikalische Kreis dieses für die Zuhörer äußerst bekömmlichen, künstlerisch hochstehenden Konzerts. Aufs Neue gingen bei einer derartigen Veranstaltung der begeisternde Beifall der Zuhörer und die besondere Atmosphäre des Raums mit der Musizierkunst der Interpreten eine gelöst wirkende Verbindung ein.

 

 

 

 

 

 

Eine Linde für den

Dobel-Spatz

 

 

 

 

Bei der Baumpflanzung neben der Grillhütte zum Spaten griffen Sandra Klingler von Erdgas Südwest, Planer Ulrich Thomas, Geschichtsvereins-Vorsitzender Hubertus-Jörg Riedlinger und Bürgermeister Matthias Henne (von links). Dahinter mit Spendenscheck zu sehen ist TSG-Vorsitzender Eugen Schultes und mit dem Spender-Plakat KSK-Regionaldirektor Frank Bob. (Foto: Waltraud Wolf)

 

12. Oktober 2018 - Waltraud Wolf

 

 

Strahlende Gesichter bei strahlendem Wetter haben am Donnerstag einer weiteren Aktion zugunsten des Zwiefalter Dobel-Spatzes gegolten. Dort fand sich eine illustre Gesellschaft ein, um eine Linde zu pflanzen, unter der sich wie in alten Zeiten Menschen allen Alters versammeln sollen, um Gemeinschaft zu pflegen.

 

Das gemeinsame Tun bei der Schaffung und Gestaltung der Spiel- und Freizeitanlage unterstrich Bürgermeister Matthias Henne. Er dankte allen für „jegliche Unterstützung“ und freute sich über die große Beteiligung der Vereine und weiterer Ehrenamtlicher beim Bau des überregionalen „Muster- und Leuchtturm-Projektes“, das die Gemeinde bereichere und von Gästen und Einheimischen gerne genutzt werde. Zwei „tolle“ Spenden gelte es, entgegenzunehmen, einmal erlöst beim Prälatur-Konzert „Junge Interpreten“ des Geschichtsvereins, unterstützt von der Kreissparkasse Reutlingen und Erdgas Südwest dank seiner Initiative Pro-Natur und zum zweiten von der TSG.

 

Ohne diese beiden Sponsoren gäbe es kein Konzert junger Interpreten, erklärte Geschichtsvereins-Vorsitzender Hubertus-Jörg Riedlinger, dankte aber auch Daniel Tress für seine kulinarischen Beitrag zu den Konzerten, wie Organisatorin Bettina Eppler und seinem Stellvertreter Ralf Aßfalg. „Wir sind ein tolles Team.“

 

Mit einem Spendenscheck über 1000 Euro stand TSG-Vorsitzender Eugen Schultes parat, dem die Freude über die gelungene Grillhütte ins Gesicht geschrieben war, die von TSG-Mitgliedern gebaut worden ist. Auch er sei Schultes beim Mauern zur Hand gegangen, verriet Bürgermeister Henne und lobte erneut das gute Miteinander.

 

Eugen Schultes gab seiner Freude über die Anlage und ihren regen Gebrauch – auch durch die Jugend – Ausdruck.

 

Für die Erdgas Südwest sprach Sandra Klingler und gestand, dass sie bezüglich der Unterstützung der Prälatur-Konzerte „Bauchschmerzen“ gehabt habe, als sich die Sponsoring-Bedingungen des Versorgungsunternehmens änderten und 2014 Pro-Natura ins Leben gerufen wurde, eine Initiative für Umweltschutz und -bildung in der Region. Doch Hubertus-Jörg Riedlinger als „Fass der Kreativität“ hatte die Idee, mit dem Erlös eines Konzertes einen Baum für den Dobel-Spatz mit zu finanzieren und schon war beides unter einem Hut.

 

Über Jahrhunderte hinweg hätten sich die Menschen unter Linden versammelt, führte Landschaftsplaner Ulrich Thomas vom Architekturbüro Künste aus Reutlingen aus und so habe man sich bei dieser ökologischen Maßnahme für eine heimische Linde entschieden.

 

Die Nachhaltigkeit unterstrich auch Regionaldirektor Frank Bob von der Kreissparkasse Reutlingen und wünschte, dass die Menschen in Zwiefalten auch noch in 100 Jahren Freude an ihr hätten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mit dem Vortrag „Heimatinszenierungen – Über den Umgang mit Geschichte vor Ort“ zeigte Dr. Christel Köhle-Hezinger Veränderungen in der Geschichtsvermittlung auf.

Kreisarchivar Dr. Marco Birn freute sich mit den Teilnehmern über die Informatio (Foto: Heinz Thumm)

26. Juni 2018 - Schwäbische Zeitung Riedlingen

 

Der Umgang mit Geschichte vor Ort

 

 

 

Heinz Thumm

 

 

Die 14. Arbeitstagung der Geschichts- und Heimatvereine im Landkreis Reutlingen hat bereits zum zweiten Mal im geschichtsträchtigen Zwiefalten stattgefunden. Als Gastrednerin sprach die Volkskundlerin Prof. Dr. Christel Köhle-Hezinger über „Heimatinszenierungen – Über den Umgang mit Geschichte vor Ort“. Fachkundig und praxisorientiert erfolgte eine Beratung der Geschichts- und Heimatvereine als Motivation für die weitere Arbeit. Bürgermeister Matthias Henne stellte die Münstergemeinde Zwiefalten vor. Mit seinen rund 2200 Einwohner in sieben Teilorten hat die Gemeinde am südlichen Zipfel des Landkreises Reutlingen einiges zu bieten. Am bekanntesten ist das majestätische barocke Zwiefalter Münster, gleich daneben das Peterstormuseum mit der Biosphäreninformationsstelle. Aber auch: vielerlei touristische Angebote, kulturelle Besonderheiten wie Konzerte, Führungen, Exkursionen, Ausstellungen und eine hervorragende Infrastruktur. Henne berichtete auch von den finanziellen Herausforderungen einer Gemeinde im strukturschwachen ländlichen Raum.

 

Dass Heimat heute eine andere Bedeutung als früher hat, stellte Dr. Christel Köhle-Hezinger in ihrem Vortrag heraus. Der Begriff „Heimat“ werde derzeit kulturell und tatsächlich neu erlebt - und ideologisch neu genutzt. Während früher Heimat „als Herkunft in Besitz und Hof“ bedeutete wird Heimat heute für „Vielerlei Inszenierungen am Ort, in der Geschichte und der Umgebung“ erklärt. An zahlreichen Beispielen erklärte die Referentin die Ursachen des Wandels der Geschichtsvermittlung und in der Brauch- und Ritualforschung. Es folgten Ausführungen über den Umgang mit der Orts-, Heimat- und Regionalgeschichte und dessen symbolische Bedeutung.

 

Dr. Christel Köhle-Hezinger lobte Baden-Württemberg, das Land mit dem größten Anteil an Heimatmuseen und Museumsdichte. Die Vielzahl von Attraktionen in den Freilichtmuseen wie zum Beispiel Backtage, Treckerrennen und Agrarfolklore erklärte sie mit einer „Sehnsucht nach Geschichtsspektakel“ in der ländlichen Idylle – aber leider nicht in der bäuerlichen Realität. „Es braucht Inszenierung für Einheimische, Zugezogene und Medien“, wertete die Volkskundlerin.

 

Im weiteren Verlauf der Arbeitstagung zeigte der Dokumentarfilmer Gerhard Stahl im Rahmen einer Filmvorschau das Projekt „Das Kriegsende im Kreis Reutlingen“ mit Zeitzeugenberichten. Kreisarchivar Dr. Marco Birn stellte die kulturhistorische Bibliothek des Landkreises online vor. Danach berichteten die Vertreter der Geschichts- und Heimatvereine vielfältig über die Aktivitäten der örtlichen Vereine.

 

Am Nachmittag führte Architekt und Ortsplaner Gerhard Keppler nach einem Vortrag durch die Neugestaltung der Ortsmitte Zwiefaltens in die denkmalgeschützte ehemalige Klosteranlage. Die Teilnehmer zeigten sich sehr beeindruckt von den Maßnahmen. Mit großem Respekt hatten die Besucher schon im Laufe des Tages die vielfältigen Aktivitäten der Vereinigung von Freunden der Geschichte Zwiefaltens, seines Münsters und Klosters vom Vorsitzenden Hubertus-Jörg Riedlinger vernommen und beachtet.

 

 

 

Schwäbische Zeitung Riedlingen  vom 12. März 2018

 

„... innen wie ein Theater“

Waltraud Wolf

 

In eineinhalb unterhaltsamen Stunden durften die Zuhörer im Saal des Konventgebäudes in Zwiefalten entspannt nachvollziehen, was drei junge Männer im Jahre 1791 bei einer siebentägigen Fußreise „durch die schwäbische Alpe“ erlebten. Vermittelt hat ihnen dies auf Einladung des Zwiefalter Geschichtsvereins Irmtraud Betz-Wischnath. Die pensionierte Kreisarchivarin hat zu dem Reisebericht Fotos von den verschiedenen Städten und Karten aus jener Zeit herausgesucht, um zu zeigen, was Christoph Heinrich Pfaff so sehr in Verzückung gebracht hat. Denn auf seinen schwärmerischen Reisebericht bezog sich ihr Vortrag.

Respektable 250 bis 280 Kilometer hat der 18-jährige Student Pfaff zusammen mit seinen Freunden Karl August Friedrich von Duttenhofer, sowie Ernst Franz Ludwig Marschall von Bieberstein, 33 und 21 Jahre alt, zurückgelegt. Mit dabei: Fernrohre und ein Windhund. Auf Schusters Rappen zu reisen, galt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts als „modern“ und „alternativ“, ließ die Referentin aus Pfullingen wissen. Man habe sich davon eine neue Sicht auf Landschaften und die dort lebenden Menschen, auf Sitten und Gebräuche, wirtschaftliche und soziale Verhältnisse, aber auch auf Geologie, Fauna und Flora versprochen.

Milch, Brot und Wein

Am 11. April 1791 starteten die Freunde, von denen Pfaff in seinem 226 Seiten starken Reisebericht vermerkt: „Es konnten auch nicht wohl drey Menschen besser füreinander taugen als eben wir“. Von Stuttgart nach Tübingen ging es am ersten Tag. In Willmandingen begegneten ihnen Auswanderer nach Galizien. In Pfrondorf rasteten sie. Der Chronist zeigt sich erfreut über den geringen Preis für Milch und Brot. Ergänzt um Wein war dies im Übrigen die Hauptnahrung der Reisenden. Nach zwölfstündigem Fußmarsch erreichten sie Tübingen „ermattet und ausgetrocknet“. Während sie vom Schlossberg aus das Panorama auf Neckar- und Ammertal und auf die Alb genossen und vor allem die Achalm ihre Blicke auf sich zog, konnte Pfaff sich für Tübingen selber nicht erwärmen „Mit dem größten Eigensinne, wüste Häuser und wüste schlechte Straßen zu bauen, kann man es kaum weitertreiben, als hier geschehen …“ Kurz vor Sonnenaufgang nahmen sie den Weg wieder unter die Füße.

Auf dem Weg nach Zwiefalten, das sie ansteuerten, um das „Schneegebürge“ zu sehen, passierten sie mit Pfullingen „ein wüstes Städtchen“, das „contrastirt auf eine unangenehme Art mit der schönen Natur“. Elf Seiten widmet Pfaff dem Besuch der Nebelhöhle, für die er sich eine „gehörige Illumination“ wünscht. Beeindruckt zeigt sich der junge Mann vom Lichtenstein, einem auf den Mauern der einstigen Burg erbauten Haus, das dem Förster als Dienstwohnung diente. „Man gehe hin und genieße“.

In Kleinengstigen kehrten sie ein und der genossene Wein ließ sie zusammen mit dem bejahrten Förster „Arm in Arm mit lachendem Mund und fröhlicher Gebärde“ den Weg so schnell eilen, „als wenn dies heute die erste Versuchung für unsere Füße gewesen wäre“.

Himmlische Belohnung

In Bernloch begegneten sie einem katholischen Priester und Pfaff lässt kein gutes Haar an ihm, während er nur positive Worte für einen „70-jährgen Greis“ findet, der sie im Regen über Ober-Gauingen nach Zwiefalten führt. „Die Mühe des Tages war himmlisch belohnt“, beschreibt er die Aussicht auf das „Schneegebürge“. „Hier türmt sich ein tausendzackiger Berg empor und scheint den Himmelsbogen zu tragen.“ Der junge Mann störte sich auf dem Weg zum Kloster an einer Mariensäule und beschreibt die Patres als intolerant und „gemeinen Menschen, ohne Anlage oder Bildung“. Ebenso abfällig urteilt Pfaff über die Portraits der Äbte und über die Innenausstattung der Klostergebäude, erläuterte die Referentin. Selbst das Münster fiel unter seinen Augen durch. „Unwürdig von außen und innen wie ein Theater: Alles strahlt von überflüssigem Gold. Das Auge wird durch zahllose Bildsäulen, Gemälde, erbärmliche Stuccatorarbeit, Guirlanden, Schnörkel, kurz durch die unwürdigsten Erzeugnisse eines verderbten Geschmacks zerstreut“, so der 18-jährige Student. Was ihm und seinen Reise-Gefährten dennoch gefiel, waren das Mahl, der Wein und die weichen Betten.

Nach einem „herzlich schlechten Kaffee“ machten sie sich am vierten Tag ihrer Reise nach Urach auf. In Marbach zeigte ihnen der Stutenmeister Hartmann ein Pferdeskelett mit einem skelettierten Reiter. Nach einem „langweiligen Weg“ in Richtung Münsingen bei „schröcklichem Regen“ erreichten sie die Sirchinger Steige und bewunderten die Aussicht in das Uracher Tal.

Während die Begegnung mit dem Wasserfall am fünften Tag ihrer Fußreise enthusiastisch ist, fällt das Urteil über die Ruine Hohenurach negativ aus. Über die Steige erreichten sie Grabenstetten und stiegen danach hinunter ins Lenninger Tal und machten auch einen Abstecher zur „Schrecke“. Die sei noch heute ein lohnender Wanderweg, empfahl Irmtraud Betz-Wischnath. Bevor es auf die Teck ging, gestand von Duttenhofer ein Problem mit einem Zeh und man besorgte ihm ein Pferd. Er verabschiedete sich in Dettingen, wo er Frau und Kind traf.

Pfaff und Ernst Franz Ludwig Marschall von Bieberstein besuchten am sechsten Tag ihrer Reise den Hohenneuffen. Dass sie aus Neuffen flüchten mussten, war ihrem Windhund geschuldet, der Kühe angegriffen hatte. In Nürtingen trennten sich die Wege der Kameraden. Duttenhofer, und Bieberstein kehrten nach Dettingen zurück, Pfaff erreichte über Köngen am siebten Tag Esslingen, wo er seine Geschwister traf, denen er viel zu erzählen hatte.

Mit Blumen und einem Buch über die Feudalherrschaft am Beispiel des Albdorfes Upflamör bedankte sich der zweite Vorsitzende des Zwiefalter Geschichtsvereins, Ralf Aßfalg, bei der Referentin.

 

 

 

 

 

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